Mit Halloween hat das nichts zu tun

Auch heute noch gehen die Enzener Junggesellen von Tür zu Tür und erfreuen die Bürger mit ihrem Allerseelensingen. Auch Spenden sind willkommen. Sie werden etwa zur Anschaffung eines neuen Messgewandes genutzt.

 

heischegang2009_tnEnzen - Ein bisschen Stolz klingt schon an, wenn Christian Berk bei regnerischem Herbstwetter durch die engen Gassen von Enzen schlendert und von „seinem“ Junggesellenverein erzählt.

 

„Wir haben auch die schwierigen Zeiten überstanden, als wir Fronleichnam nur zu viert den Baldachin getragen haben“, blickt der erste Vorsitzende des Vereins zurück. Doch das Durchhaltevermögen hat sich ausgezahlt: In diesem Jahr ist der Junggesellenverein Enzen 112 Jahre alt geworden. Und als eine der wenigen Gemeinschaften in der Region versammelt er sich noch heute alljährlich zum traditionsreichen Allerseelensingen.

 

Etwa 30 Männer gehen an diesem ersten November beim „Zug durch die Gemeinde“ von Tür zu Tür. Dort singen sie und sammeln Spenden. Der Wind pfeift, das bunte Laub liegt auf den nassen Straßen. Es ist bereits dunkel, als die Schar vom „Reiterhof Bolten“ aufbricht. Bis vor kurzem gab es keine Kneipe mehr in Enzen - der Junggesellenverein war auf die eigenen Partykeller angewiesen.

Jetzt, nachdem die Pächterfrage geklärt ist, werden im Reiterhof wieder „Strammer Max“ und „Bolten Alt“ serviert. An den Haustüren tönt aus tiefen Kehlen etwas undeutlich, aber unüberhörbar der 1903 von Pfarrer Blaesen gedichtete Sprechgesang. Damals kamen die Einnahmen des Allerseelensingens den Angehörigen von Verstorbenen zugute, denen das Geld für eine Beerdigung fehlte. Heute ist der Erlös etwa für die Anschaffung eines neuen Messgewandes bestimmt.

 

Doch erntet man heutzutage als Mitglied eines Junggesellenvereins nicht eher Skepsis? „Natürlich wird man von einem Kölner auch mal belächelt. Da hört man dann: ,Ein Junggesellenverein, was ist das denn?“, sagt Berk. Doch er findet, dass man zu seiner Mitgliedschaft selbstbewusst stehen sollte. Den Spöttern rät er, sich auf der Homepage über die Ziele und den geschichtlichen Hintergrund des Vereins zu informieren.

 

„Wir haben zwar auch Spaß, aber im Unterschied zum gewöhnlichen Discobesucher legen wir auch Wert auf die Gemeinschaft und den religiösen Aspekt.“ So packen die Vereinsmitglieder nicht nur jedes Jahr zu Fronleichnam, sondern auch bei der Aufstellung des Weihnachtsbaums an. „Mitglied in der Kirche zu sein, ist allerdings keine zwingende Voraussetzung“, so Berk.

 

Sogar die Enzener Kirmes organisiert der Junggesellenverein selbst. Doch nicht nur mit dem Vorurteil der Rückständigkeit haben die Allerseelensänger zu kämpfen. In den letzten Jahren ist auch die Verwechslungsgefahr gestiegen: „Gelegentlich wird das für ein verspätetes Halloween gehalten.“ Berk schüttelt den Kopf: „Damit hat das Allerseelensingen nun wirklich nichts zu tun.“

 

Schnell ist der Tross vom einem zum anderen Ortsende angelangt. Berk hält kurz inne und deutet mit dem Regenschirm auf ein Haus: „Dort wohnt der Ortsvorsteher.“ Leo Wolter und seine Familie empfangen die Sänger in ihrer Stube zu einem Umtrunk. Auch andere Enzener haben die Allerseelensänger bereits mit ausreichend Bier und Schnaps bedacht.

 

Was hält Ortsvorsteher Wolter vom Allerseelensingen? „Das sehen Sie ja“, sagt er nur. „Wir arbeiten gut mit dem Junggesellenverein zusammen und stehen uns gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite.“

 

Das Erfolgsrezept der über hundert Jahre alten Tradition kann auch er nicht ganz entschlüsseln: „Aber es gibt größere Gemeinden, die bei weitem kein so aktives Vereinsleben haben wie wir. Dabei spielt der Junggesellenverein eine ganz elementare Rolle.“

 

Es geht auf 19.30 Uhr zu. Den Großteil der Enzener Häuser haben die Junggesellen schon abgeklappert, und das ist auch gut so: „Wir teilen uns in zwei Gruppen auf und versuchen immer, bis 21.30 Uhr fertig zu sein. Denn montags wird ja wieder gearbeitet und es kommt schon mal zu Beschwerden, wenn man allzu spät noch klingelt“, erklärt Berk. Doch die meisten Enzener stünden dem Brauch positiv gegenüber. „Wir versuchen auch die Zugezogenen darauf aufmerksam zu machen.“

Die Erfolgsaussichten stehen gar nicht schlecht: Noch bis ans andere Ortsende hört man, wie der kräftige Gesang der Allerseelensänger durch die Enzener Gassen hallt.

 

Quelle: Kölnische Rundschau