Wurfgeschoss und Sarkophage

Bei der Archäologietour Nordeifel 2011 können am Sonntag,  2. Oktober, 10 bis 18 Uhr, sieben Stationen besichtigt werden. Erstmals wird in einem Bus ein Gebärdendolmetscher mitfahren, um auch Gehörlose zu informieren.

Kreis Euskirchen/Enzen - Der Sage nach barg der 1663 entdeckte Sarkophag Reichtümer von unschätzbarem Wert, die nur eines Königs würdig schienen. Und da Frankenkönig Theudebert II. im Jahr 612 bei einer Schlacht auf dem Schievelsberg angeblich von seinem eigenen Bruder ermordet wurde, hatte man auch gleich den passenden „Insassen“ für den Sandsteinsarg gefunden. Von dem Gedanken, stolze Besitzer eines Königsgrabs zu sein zu sein, müssen sich die Enzener allerdings verabschieden. Dr. Ulrike Müssemeier vom Landschaftsverband Rheinland machte gestern derartige Träume endgültig zunichte: „Das als Grabbeigabe entdeckte, heute noch erhaltene Goldband stammte von einem Mädchen oder einer jungen Frau aus wohlhabender Familie aus der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts.“

Nonnula

Dass Theudebert weiblichen Geschlechts war, ist auszuschließen. Aber auch im zweiten Sarkophag, der 1977 bei Kanalbauarbeiten in der Theudebertstraße in Enzen entdeckt wurde, war um das Jahr 360 nach Christus eine junge Frau bestattet worden. Sie hieß wohl „Nonnula“, wie der Gravur in einem beigefügten Armreif zu entnehmen war. So wird der Besucher zwar kein Königsgrab zu Gesicht bekommen, dennoch lohnt sich ein Abstecher zu den Sarkophagen neben der Pfarrkirche St. Kunibert in Enzen allemal.

Das dachten sich auch Professor Dr. Jürgen Kunow, Leiter des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege in Bonn, Petra Tutlies, Chefin der Außenstelle Wollersheim, und die wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Landschaftsverband Rheinland, Dr. Ulrike Müssemeier. Sie hatten sich den geschichtsträchtigen Standort in Enzen ausgesucht, um gemeinsam mit dem Zülpicher Bürgermeister Albert Bergmann, dem Enzener Ortsvorsteher Leo Wolter sowie den Tourismusbeauftragten der beteiligten Kommunen aus dem Kreis Euskirchen (bis auf Euskirchen und Weilerswist sind alle mit im Boot) und des Oberen Kylltalsin einer Pressekonferenz für die „Archäologietour Nordeifel 2011“ zu werben.

Eifelmarmor

Damit werde auch das Engagement der Enzener Dorfgemeinschaft belohnt, betonte Bürgermeister Bergmann. In einer konzertierten Aktion hatten die Dorfbewohner die Forderung des LVR nach einem Schutzbau erfüllt und dadurch im Oktober vergangenen Jahres die Rückkehr des „Nonnula“-Sarkophags ermöglicht, der in Bonn restauriert worden war. Die spätrömischen Sandsteinsärge gehören zu den sieben Attraktionen, die bei der Archäologietour am Sonntag,  2. Oktober, 10 bis 18 Uhr, besichtigt werden. Weitere Stationen sind die Fossilien im „Eifelmarmor“ der Pfarrkirche St. Margareta in Frohngau, der Römerkanal in Dalbenden, die Aquäduktbrücke in Vussem, der Ringwall „Alte Burg“ in Bad Münstereifel, der Tiergartentunnel in Blankenheim und der Urftsee, wo den Besuchern ausnahmsweise der Kontrollgang in der Staumauer geöffnet wird.

Es ist bereits die fünfte Auflage der Archäologietour, die sich mit stets neuen Angeboten offenkundig großer Beliebtheit erfreut. Bei der Premiere im Jahr 2007 hatten sich rund 2500 bis 3000Teilnehmer auf die Spuren der Historie begeben. Professor Kunow nannte zwei Gründe für diesen Erfolg: „Die reiche archäologische Kulturlandschaft in Eifel und Voreifel und die Vermittlung aller interessanten Fakten über die Bodendenkmäler vor Ort.“

Bei der Pressekonferenz war exemplarisch Peter Reuter mit von der Partie, der sich eingehend mit der Enzener Heimatgeschichte befasst hat und auch am 2. Oktober die Fragen der Besucher beantworten wird. Überdies gibt es an jedem Veranstaltungsort ein Spezialprogramm für Kinder. So können die „Pänz“ die Aquäduktbrücke in Vussem aus Gips nachbauen. In Blankenheim werden mit einem mittelalterlichen Wurfgeschoss mit Wasser gefüllte Luftballons „verballert“.

Die Besucher können mit dem eigenen Auto zu den Stationen ihrer Wahl anreisen. Am Mechernicher Bahnhof stehen aber auch Busse bereit, die alle Ziele bis auf den Urftsee ansteuern und die Reisegäste auch wieder zurückbringen. Erstmals wird in einem der Busse ein Gebärdendolmetscher mitfahren, um auch Gehörlosen Informationen zu vermitteln, Nur die Gäste, die das Busangebot nutzen möchten, müssen sich bis zum 27. September bei der Tourist-Information Oberes Kylltal (☎ 0 65 97/28 78) anmelden. Wer individuell anreist, braucht dies nicht vorab anzukündigen.

Auch Hunger leiden muss niemand: Örtliche Vereine sorgen an jedem Standort für die Verpflegung der Besucher. Ein leuchtendes Beispiel war gestern Enzens Ortsvorsteher Leo Wolter, der die nach der Pressekonferenz gereichten Schnittchen höchstpersönlich geschmiert hatte.

Das Gesamtprogramm und die Beschreibung der Anfahrtswege gibt es im Internet. Dort erfahren auch Rollstuhlfahrer, welche Standorte für sie mühelos erreichbar sind.

Quelle:KSTA